The Fighting Temeraire

Joseph Malllord William Turner – 1838

Auf dem Bild ist ein altes Segelschiff zu sehen, die Temeraire (franz. téméraire: furchtlos, kühn). Viel Jahre zuvor hatte sie einen wesentlichen Beitrag zum Sieg der englischen Flotte in der Schlacht von Trafalgar geleistet. Von Dampfschiffen gezogen wird sie zu ihrem letzten Liegeplatz gebracht, wo sie abgewrackt werden wird. Die Sonne geht gerade unter. Der Betrachter, der in seinem Kopfe die Segel der Temeraire noch einmal hisst, kann erahnen, dass sie einst ein stolzes Schiff war. Doch ihre Ära ist zu Ende gegangen. Sie wird abgeschleppt und die Ästhetik des schönes Holzschiffes wird beschmutzt vom Rauch des klobigen Dampfers. Sie wirft kaum noch einen Schatten voraus, spiegelt sich nur schwach im nassen Grund, als sei sie nur noch ein Schatten ihrer selbst.

Die Temeraire hat sich um ihr Land verdient gemacht, findet aber in einer neuen Zeit keinen rechten Platz mehr. Das nächste mit diesem Namen aufgelegte Kriegsschiff, die dritte Temeraire wird ein stählernes, schraubengetriebenes Schiff sein. Das Bild beschreibt damit den Anbruch einer neuen Zeit, die Verdrängung des Alten durch das Moderne. Während die Sonne mit ihrem warmen Licht untergeht, geht der (kühle) Mond (im linken Bildrand) auf. Der Maler drückt sein Bedauern darüber aus, dass das neue, hässliche über das alte, schöne gesiegt hat. Bei genauem Betrachten erkennt man, dass die scheinbar kraftvolle Sonne nicht gemalt, sondern einfach ein unbemalt belassener Teil der Leinwand ist.

Turner gilt als der bedeutendste Maler Englands der Epoche der Romantik. Die Landschaftsmalerei war sein zentrales Thema, die Sonne und das Meer waren wichtige Motive. Dabei ging es ihm weniger darum, eine Landschaft realitätsgetreu darzustellen, sondern um die Schaffung einer bestimmten Atmosphäre. So wählte er auch für die Temeraire eine fiktive Farbe, ein warmes Goldweiß. In Wirklichkeit war sie schwarz. Mit nicht einmal dreißig Jahren ließ Turner sich seine eigene Galerie bauen, in der er seine eigenen Werke ausstellte, was in der englischen Kunstwelt etwas völlig Neues war. Er hinterließ nach seinem Tode mehr als 20.000 Werke und vererbte einen Teil seines Vermögens an eine Stiftung für notleidende Künstler.

Die Fighting Temeraire ist mit 91 x 122 cm nicht das imposanteste Ölgemälde, was in der National Gallery ausgestellt ist. Trotzdem hat es vermocht, mich in seinen Bann zu ziehen und die Idee des Künstlers sprach mich an. Bereits im 19. Jahrhundert haben sich Menschen Gedanken darüber gemacht, ob der technische Fortschritt, so erstrebenswert er auch sein mag, nicht mit dem Verlust von Schönheit einhergeht. Es ist genau dieser Grundgedanke, der mich letztendlich zum Verfassen dieses Blogs gebracht hat. Wir leben in einer Zeit, in der „Effizienz“ das Höchste Gut ist, in der wir „Wegwerfprodukte“ kaufen und in der wir den Sinn für das Schöne im Leben verloren haben. Und haben wir ihn nicht gänzlich verloren, so fehlt uns allzu oft die Zeit. Denn für das Kreieren und den Genuss von Schönheit braucht man: Zeit. 

The Fighting Temeraire (tugged to her last Berth to be broken up) – The National Gallery London, Quelle: creativecommons.org, CC BY 2.0. 

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