Gekreuzigter Christus

Diego Velàzquez – 1632

Das erste Mal bin ich dem Gekreuzigten Jesus von Velázquez in einer Wohnung in Madrid im Viertel La Latina begegnet. Eine Kopie des Bildes stand neben einem großen Bücherregal auf dem Boden, gemalt von einem Freund und Hobbymaler, wie mir die Besitzerin erzählte. Diese Kopie zeigte lediglich einen Ausschnitt des Originals, von der Dornenkrone bis zur Wunde auf der Brust. Ich schaute Jesus somit direkt ins Gesicht. Das löste in mir ein Gefühl der Überraschung aus, mir wurde klar, dass ich Jesus – eben bildlich gesprochen – noch nie so nah gewesen war. Die Besitzerin des Bildes erzählte mir, dass viele Leute beim Anblick berührt seien. Und sie erzählte mir auch, dass das Original ein Velázquez sei, welches im Museo del Prado hängt.

Bei dem Besuch eines Museums von der Größe des Prados schwirrt einem schnell der Kopf, jedenfalls geht es mir so. Unzählige Werke aus diversen Jahrhunderten aneinandergereiht, das sind einfach zu viele Eindrücke für mich. So ging es mir auch an dem Nachmittag, als ich plötzlich genau vor diesem Bild stand. „Da ist er ja, mein schöner Jesus“, dachte ich bei mir. Nur in wesentlich größer als die Kopie, die ich zuvor gesehen hatte, und natürlich vollständig von Kopf bis Fuß. Das Gemälde strahlt für mich eine seltsame Ruhe aus, trotz des, sagen wir, tragischen Sujets. Auf der Webseite des Museums ist zu lesen: „Es muss Velázquez‘ Absicht gewesen sein, der Figur eine göttliche und unaussprechliche Schönheit zu verleihen, die den Glauben widerspiegelt, dass Christus der schönste aller Menschen ist.“

Dieses Jahr war ich zum ersten Mal an Karfreitag in der Kirche. Ich hatte keinen feierlichen Gottesdienst erwartet, bekanntlich ist Karfreitag an Trauertag, was in Deutschland jedes Jahr bei vielen Menschen zu Irritationen führt, wenn an einem Freitagabend um Mittarnacht die Musik ausgeht und die Party vorbei ist. Trotzdem war ich verwundert darüber, dass der Gottesdienst doch sehr ernst gestaltet war. Dass Jesus am Kreuz gelandet ist, ist nun kein tragischer Unfall, ein furchtbares Ereignis, über das die Christenheit bis heute in Trauer ist. Sein Tod war seine göttliche Bestimmung, die Erfüllung der Prophezeiung. An den Tagen vor Ostern konzentrieren sich die Christen auf das Leiden und Sterben Jesu. Alles hat eben seine Zeit. Vom fünften Fastensonntag an bis Ostern sind die Kreuze in den Kirchen verhüllt. Diese Tradition kam zur Zeit der Triumphkreuze auf, in der man das Kreuz als Sieges- und Lebenszeichen verstand. Das Kreuz ist beides, Tod und Leid, als auch die Krönung Jesu zum König der Juden. Ein bestimmter Gedanktag erlaubt es uns, einen bestimmten Aspekt ein und derselben Sache näher zu betrachten.

Velázquez, geboren 1599 in Sevilla, avancierte später zum Hofmaler des spanischen Königshauses. Dort porträtierte er zahlreiche Mitglieder der königlichen Familie sowie Angehörige des Hofes. Sein Cristo Crucificado ist eines seiner wenigen sakralen Werke. Es entstand vermutlich im Auftrag des Klosters San Plácido in Madrid, bzw. dessen Gründer Jerónimo de Villanueva. Dieser war bei den Inquisitoren in Ungnade gefallen, unter anderem wegen seiner Beziehung zur Äbtissin des Klosters. Vermutlich wollte er dem Inquisitionsgericht seine Frömmigkeit beweisen. Was auch immer der Hintergrund zur Entstehung des Gemäldes war, Velázquez hat für mich damit eines der schönsten Jesusbilder geschaffen. Sein Kopf hängt herab, das Haar fällt wie ein Vorhang über die eine Gesichtshälfte. Der Kampf ist vorüber, das Leiden beendet. „Es ist vollbracht“ (Joh, 19,30).

Diego Velàzquez, Cristo Crucificado, Museo del Prado Madrid, Bildquelle: Wikipedia, gemeinfrei

Spread the love