Selbstbildnis mit Zigarette
Edvard Munch – 1895
Der Schrei ist Munchs bekannteste Bild, welches eigentlich eine Reihe von Bildern ist. 1893 entstand das erste davon. Und dies ist eines der zahlreichen Selbstportraits des norwegischen Malers. Auf seinem „Selbstbildnis mit Zigarette“ ist er gerade Anfang dreißig. Seine Kleidung ist förmlich, sein Gesicht und seine Hand sind von einer Lichtquelle hell erleuchtet. Er schaut den Betrachter direkt an, sein Blick jedoch ist distanziert. Seine rechte Hand hält keinen Pinsel, sondern eine Zigarette. Blauer Dunst steigt auf und vermischt sich mit dem kühlen blau-grau des Hintergrundes. Auch der Portraitierte selbst verschwindet teils in seinem eigenen Bild. Der verschränkte Arm wirkt wie eine Grenze zwischen ihm und uns.
Das Bild entstand drei Jahre nach seiner ersten Ausstellung in Berlin. Diese wurde nach gerade einer Woche geschlossen. Das Entsetzen der Kritiker war groß. Das Problem war zum einen die Themen, mit denen er sich in seiner Malerei beschäftigte: Einsamkeit, Krankheit, Tod, Angst vor dem Leben. Mit seinen Bildern blickte er in seine eigenen Abgründe, verarbeitete eigene Traumata. Nicht alle Menschen wollten sich mit diesen (und den eigenen) Abgründen auseinandersetzen. Aber es war auch die Art, wie er malte. Er brach rabiat mit den Regeln der alten Schule. Die Farbe wurde nicht unbedingt sauber mit dem Pinsel aufgetragen, sondern unter Umständen direkt aus der Tube auf die Leinwand gebracht, mit anderen Substanzen vermischt und verschmiert. Das andere Ende des Pinsels wurde ebenso eingesetzt und die Farbschichten damit zerkratzt. Auch setzte er seine „Kinder“, wie er sie nannte, rücksichtslos der Witterung aus. Munch war der Ansicht: „Ein gutes Bild erträgt viel. Nur schlechte Bilder müssen ganz sein und teure, schwere Rahmen haben.“
Der Skandal um seine Bilder hatte allerdings auch seine Vorteile. Es brachte ihm Bekanntheit ein. Und, während andere Maler in Lebzeiten keinerlei Anerkennung fanden und verarmt starben, war dies bei Munch trotz aller anfänglichen Kritik nicht der Fall. Wenig später folgte eine private Ausstellung, die beim Publikum großen Anklang fand. Er verbringt eine Zeit in Paris, es folgen weitere Ausstellungen. Mit Ende dreißig erfährt er seinen großen Durchbruch. Zahlreiche Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft lassen sich von ihm portraitieren. Munch zielt mit seiner teils drastischen Vorgehensweise darauf ab, das Innere nach Außen zu kehren. Um sich von ihm abbilden zu lassen, braucht es Mut. Der Bankier Walther Rathenau kommentier das von ihm in Auftrag gegebene Bild: „Ein ekelhafter Kerl, nicht wahr? Das hat man davon, wenn man sich von einem großen Künstler malen lässt. Da wird man ähnlicher, als man ist. Edvard Munch sieht durch uns hindurch und wendet uns nach innen und außen um. Dann hängt er uns an einen Haken. Dort hängen wir dann – für immer.“
Früh hatte Munchs Tante sein künstlerisches Talent entdeckt. Nach einem Jahr des Ingenieurstudiums wandte er sich ernsthaft der Kunst zu. Seine frühen Werke sind dem Realismus zuzuordnen. Nach einem Studienaufenthalt in Paris ändert sich sein Malstil radikal. Sein Bild „Das kranke Kind“ von 1886, auf dem er den Tod seiner Schwester thematisiert, stellt einen Umbruch in eine neue Richtung dar. Munch gilt mit dieser Ausdruckseise als Wegbereiter des Expressionismus. Er schuf weit über 1.000 Gemälde. Die bekanntesten darunter stammen aus den 1890er Jahren, von ihm zusammengefasst im „Lebensfries“, darunter auch Der Schrei. Daneben war er auch Grafiker. Einige seiner Bilder reproduzierte er, bzw. deutete er in Grafiken neu, wie seine Madonna. Sein gesamtes Werk vermachte der vielgereiste Künstler seiner Heimatstadt Oslo.
Edvard Munch, Selbstbildnis mit Zigarette, Nationalgalerie Oslo, Quelle: eward-munch.org, CC BY-NC-SA 2.0