Der Aachener Dom und die perfekte 6
Als im 5. Jahrhundert das Weströmische Reich unterging, wurde es vom Frankenreich abgelöst. 771 wurde Karl der Große dessen König und alleiniger Herrscher. Er dehnte das Gebiet seines Reiches weiter aus und trieb die Christianisierung des Abendlandes – nicht immer friedlich – voran. Seine Krönung zum Kaiser im Jahr 800 durch Papst Leo III. machte ihn zum legitimierten Nachfolger der römischen Kaiser. Für diese Krönung wurde der Aachener Dom erbaut, als Symbol für die Wiedervereinigung des Westens. Das kleine Aachen, in der Mitte des Frankenreiches gelegen, wurde auserkoren zum neuen Rom.
Um diesem Anspruch gerecht zu werden, bedurfte es eines architektonischen Meisterwerks. Mit dem Dom wurde der erste Kuppelbau nördlich der Alpen seit der Antike geschaffen. Ein Oktogon bildet den Grundriss: die Kuppel wird von acht Säulen getragen. Diese besondere Form ist nicht zufällig gewählt: Der „achte Tag“ ist der Sonntag, der erste Tag der neuen Woche, der Tag, an dem Jesu auferstand. In sieben Tagen wurde die Welt erschaffen, am achten Tag geschah mit Christi Auferstehung ihre die Erlösung und Neuschöpfung.
Eigentlich war es unmöglich, einen Bau dieser Höhe in der Form zu errichten. Odo von Metz, Karls Baumeister, musste sich etwas einfallen lassen. Eiserne Ringe wurden ins Mauerwerk der Kuppel eingelassen, wodurch die Ziehkräfte überwunden wurden. Erschwerend wirkte sich auch der weiche, sumpfige Baugrund aus. Hölzerne Pfähle stützen die acht Säulen deshalb unterirdisch. Was in Venedig funktionierte, konnte fürs Rheinland nicht verkehrt sein.
Während der jüngeren Sanierungsarbeiten wurde die Kirche das erste Mal genau vermessen. Dadurch fand man heraus, dass der gesamten Konstruktion eine weitere wichtige Zahl zugrunde liegt. 6 Fuß ist das Maßraster, d.h. die Zahl 6 steckt in allen Abmessungen, z.B. zwischen den einzelnen Säulen. Die 6 ist die erste vollkommene Zahl. Eine Zahl wird – seit der Antike – dann als vollkommen bezeichnet, wenn sie der Summe ihrer Teiler entspricht. 1+2+3=6. Gott hat die Welt in 6 Tagen erschaffen. Am sechsten Tage erschuf er Adam und Eva, daher ist sie auch Symbol für den Menschen, aber auch für dessen Sündhaftigkeit. Das Matthäusevangelium erzählt davon, wie bei der Kreuzigung Jesu um die sechste Stunde eine Finsternis hereinbrach.
Das Oktogon ist 24 x 6 Fuß tief. Das macht 144 Fuß. In der Offenbarung heißt es, das himmlische Jerusalem messe 144 Ellen. Aus den 12 (wieder so eine heilige Zahl) Stämmen Israels werden je 12.000 Menschen das Himmelreich erfahren, das sind 144.000. Die Zahl steht für das Reich Gottes und dessen absolute Vollkommenheit.
Im 12. Jahrhundert wurde unter dem Kuppeldach ein Radleuchter aus vergoldetem Kupfer angebracht, ein Geschenk von Kaiser Friedrich I. Der Kaiser, bekannter unter dem Namen Barbarossa, hatte Karl heiligsprechen lassen. In der Inschrift ist zu lesen: „Friedrich, katholischer Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, gelobte, darauf zu achten, dass Zahl und Gestalt mit den Maßen des erhabenen Tempels harmonieren und sich ergänzen: achteckig diese Lichterkrone als fürstliche Gabe“.
Barbarossa hatte offenbar die Bedeutung des Doms verstanden. Der Erste Tempel, erbaut unter König Salomon, war Vorbild für den Aachener Dom. Nicht direkt architektonisch, aber die Symbolik, die aus der gesamten Architektur herauszulesen ist, deutet auf den Tempel hin und, weitergedacht, auf das „himmlische Jerusalem“, das Reich Gottes. König Salomon war Herrscher des vereinigten Königreichs Israel. Kaiser Karl und seine Nachfolger sollten Herrscher dieses neuen, „göttlichen“ Reiches in Westeuropa sein.
Noch heute ist Karls Kaiserthron, auf dem bis 1531 30 deutsche Könige und 12 Königinnen gekrönt wurden, in der Kirche zu bestaunen. 6 Stufen führen zu dem Thron, wie bei König Salomon.
Tipp: Hier geht es zum virtuellen 3D-Rundgang: https://www.aachenerdom.de/dom-erlebnis/virtueller-3d-rundflug/
Bild von Thomas Wolter auf Pixabay