Die Großstadt
George Grosz – Großstadt – 1917
„Aus einer mir vertrauten Umgebung in Stolp kommend, stand ich während einer Pause auf dem Schulhof. Alles war mir so fremd und die Berliner Umgebung so neu, und ich hatte auch noch keine rechte Freundschaft schließen können. So stand ich da, halb träumend und war gerade dabei, in mein ausgewickeltes Butterbrot hineinzubeißen, als ich plötzlich von einem vorbeirennenden Jungen einen kräftigen Stoß in den Rücken erhielt und der Länge nach mit dem Gesicht auf meinem Butterbrot in den Schmutz fiel…“ So beschreibt George Grosz in seiner Biographie ein für ihn prägendes Kindheitserlebnis. Die Familien stammte aus einer Kleinstadt in Preußen, heute Slupsk. Nach dem Tod des Vaters zog die Mutter mit George und seinen beiden Schwestern nach Berlin. „Es war, als hätte ich damals ein tieferes Gesetz der Brutalität entdeckt“, fasst Grosz die Erinnerung zusammen.
In seinem Bild „Großstadt“ (Metropolis) portraitiert das Großstadtleben auf apokalyptische Weise. Die Menschen stolpern ineinander, sie scheinen auf der Flucht zu sein, ihre Gesichter erkennt man kaum. Insbesondere scheinen sie keine Augen zu haben, blind rennen sie durch die Straßen. In der oberen Bildhälfte: Feine Hotels, Industriegebäude, ein Verlag? In der blutrot scheinenden Abendsonne geht die arbeitende Bevölkerung nach Hause. Doch so sehr sich die Menge beeilt und hastet, sie bleibt in der unteren Bildhälfte gefangen.
Grosz legte mit diesem expressionistischen Bild den Finger in die Wunde. Er war Gesellschaftskritiker, verabscheute den deutschen Nationalismus des Kaiserreiches. Mehr noch verabscheute er den Krieg. Zu Beginn des ersten Weltkrieges trat er 1914 freiwillig als Infanterist ins Heer ein, um nicht an die Front zu müssen. Aus Ablehnung des deutschen Patriotismus und Kriegsbegeisterung auf der einen und einer Faszination für Amerika auf der anderen Seite, amerikanisierte er 1916 seinen Namen. Aus Georg Ehrendried Groß wurde George Grosz.
War er 1915 als untauglich eingestuft und aus der Armee entlassen worden, wurde er 1917 einbezogen. Bald darauf erlitt er einen Zusammenbruch und wurde in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. „Oh Finale des Infernos, des wüsten Hin- und Hermordens – Ende des Hexensabbat, grausigster Entmannung, Hinabschlachtens, Kadaver über Kadaver, schon glotzt grün verwesende Leiche aus Gemeinen! – Wenn doch bald ein Ende herankäme!! – Herzlichst Dein George.“ So gibt er dort Einblick in seinen Seelenzustand in einem Brief an einen Freund. Nach seiner Entlassung nahm er die 1916 begonnene und durch diese Umstände unterbrochene Arbeit an dem Bild Großstadt wieder auf. Wäre das Bild ein bisschen weniger blutrot, ein bisschen weniger chaotisch geworden ohne die Kriegserlebnisse?
1933 floh der als „entartet“ gebrandmarkte Künstler mit seiner Familie in die USA. Dort schuf er zahlreiche weitere Werke und erlangte in seiner neuen Heimat Bekanntheit. Er beobachtet weiter die Situation in seinem Heimatland und Europa und verarbeitet die Geschehnisse in seinen Bildern. 1959 kehrte er nach Berlin zurück. Nur wenige Wochen darauf starb er, vermutlich unter Alkoholeinfluss, mit 66 Jahren durch einen Treppensturz. Er zählt heute zu den einflussreichsten deutschen Malern. Grosz selbst sah sich nicht als Expressionist, auch diese Schublade war ihm zuwider. Die Stadt Berlin widmete ihm ein Ehrengrab.
George Grosz, Großstadt, Museo Thyssen-Bornemisza Madrid, Quelle: creativecommons.org, CC PDM 1.0.