Die Moldau
Friedrich Smetana – 1824
Die Moldau ist Friedrich Smetanas bekanntestes Stück. Mit ihm beschreibt er musikalisch den Verlauf des Stroms. Dieser entsteht durch das Zusammenfließen zweier Quellflüsse: der kalten Moldau, die im Bayerischen Wald entsteht, und der warmen Moldau, die in Tschechien entspringt. Und damit beginnt die Tondichtung. Gespannt hören wir der zarten, aber quirligen, in schnellen Sechzehntelnoten gespielten Flöte zu. Hinzu gesellt sich bald die Klarinette. Beide Flüsschen laufen fröhlich nebeneinander her, bis sie sich schließlich zur Moldau vereinen (0:27). Hier beginnt die schlichte, aber unverkennbare „Moldaumelodie“. Sie ist ein wiederkehrendes Thema, taucht in unterschiedlichen Tonarten immer wieder auf. Die Moldau fließt, immer weiter. Zunächst in Moll, zart. Beginnt diese Melodie, so ist es, als würde sich das Herz öffnen. Die Musik fließt wahrlich direkt durchs Herz.
Dann erklingen die Hörner, wir werden Zeuge einer Jagd im Wald (3:12), bevor wir eine Bauernhochzeit miterleben, bei der das ganze Dorf fröhlich zusammen tanzt (4:20). Bei allem bleibt die Musik wellenförmig, der Fluss ist immer da! Es wird Nacht, die Gäste gehen nach Hause, die kraftvollen Klänge verschwinden und machen Platz für einen magischen Augenblick. Die Nymphen tanzen ihren Reigen (5:56). Die Musik ist hier so erhaben, zart und geheimnisvoll, dass, wenn man sich darauf einlässt, Bilder im Kopf entstehen: von langsamen, anmutigen Bewegungen, Haut, die im Mondschein leuchtet, nackte Füße berühren eine nasse Wiese kaum. Wenn man sich gerade hinweggeträumt hat, wird es langsam wieder lauter, ob man will oder nicht, keine Zeit, man wird mitgerissen. Die Moldau steuert auf die St.-Johann-Stromschnellen zu (9:51). Hier wird es ungemütlich! Dann Stille. Sind wir beim Zuhören untergegangen? Auftauchen, aufatmen. Es geht weiter. Unsere liebgewonnene Melodie erklingt, in Dur, feierlich. Zu einem großen Strom angewachsen fließt die Moldau stolz an der Goldenen Stadt Prag vorbei. Wir verneigen uns. Schließlich wird es leiser, immer leiser, wir müssen Abschied nehmen. Zwei Schlussakkorde, der Fluss mündet in die Elbe.
Smetana, 1824 geboren als Sohn eines Geigers und Bierbrauers in Böhmen, Tschechien, bekam bereits mit vier Jahren Geigen- und Klavierunterricht. Während seiner Schulzeit in Prag machten sich seine Mitschüler über seine bauernhaften Gepflogenheiten und sein schlechtes Tschechisch lustig. Der deutschsprachige Friedrich entwickelte im Erwachsenenalter immer mehr ein tschechisches Nationalgefühl und war Anhänger der tschechischen Nationalbewegung, die sich gegen den österreichischen Absolutismus wendete. Er benannte sich um in Bedřich (tschechisch für Friedrich). In Prag studierte Smetana Klavier und Komposition bei Josef Proksch. Seine Stücke fanden jedoch nicht immer und überall Anklang, was ihn zu Aufenthalten in Göteborg bewegte. Die Moldau ist Teil des romantischen Zyklus „Mein Vaterland“. Eine Ode an seine Heimat. Geschrieben 1874 in nur 19 Tagen. Im selben Jahr hatten seine Gehörprobleme eingesetzt, die schnell zur vollständigen Taubheit führten. Die Moldau entstand, als Smetana bereits nichts mehr hörte. Er führte das auf die harschen Kritiken zurück, denen er sich ausgesetzt sah. Sein psychischer Zustand verschlechterte sich in den folgenden Jahren. Smetana verstarb 1884 in einer psychiatrischen Klinik. Heute ist er anerkannt als der größte tschechische Komponist aller Zeiten. An seinem Todestag am 12. Mai beginnt alljährlich der Prager Frühling, ein internationales Kunst- und Musikfestival.