La Stravaganza – concerto 2
Antonio Vivaldi – 1712
Der Apfel war im Falle von Antonio Vivaldi, geboren 1678 in Venedig, nicht weit vom Stamm gefallen. Sein Vater war anerkannter Violinist und hatte offenbar sein musikalisches Talent an seinen Sohn vererbt. Antonio ließ sich ebenfalls an der Violine ausbilden. Als sehr gläubiger Mensch begann er später die Ausbildung zum katholischen Priester und erhielt mit gerade 25 Jahren die Priesterweihe. Kirche und Musik waren eng miteinander verknüpft, von daher stellten seine beiden Leidenschaften keinen Wiederspruch dar. In Zeiten des Barock (Ende 16. Jhd. – ca. 1770) fand Musik jedoch immer mehr außerhalb der Kirche statt. Die erste Oper war 1600 uraufgeführt worden. Die Menschen suchten nach neuen Ausdrucksformen in der Musik, der Malerei und Architektur. Die Renaissance als Zeit der Aufklärung, in der das Rationale überwog, wich nun dem Wunsch nach einer neuen Gefühlsbetontheit, nach Überschwang. Geburtsland des neuen Stils ist Italien und Vivaldi ist einer seiner bekanntesten Vertreter.
Eineinhalb Jahre war er als Kaplan der Kirche Santa Maria della Pietà tätig. Gleichzeitig unterrichtete er Musik an einem der Kirche angeschlossenen Waisenhäuser. Sein Priestertum hatte er also nach einer kurzen Zeit schon an den Nagel gehangen. Was blieb, war die Musik. Er komponierte in der Zeit seine erste Opern. Eine weitere Erfindung des Barock sind Instrumentalkonzerte. Das Concerto entstand, um ein oder mehrere Soloinstrumente dem Orchester gegenüberzustellen. Vivaldi schrieb fast 500 Konzerte. Die meisten davon, natürlich, für die Geige. Hier konnte er sich entfalten, perfektionieren, Virtuose sein. Seine Werke fanden weit über Venedig heraus Anklang und beeinflussten andere Musiker seiner Zeit. Sein berühmtestes Stück sind Die vier Jahreszeiten. Auch hierbei handelt es sich um – vier – Violinkonzerte.
La Stravaganza heißt zu Deutsch: Extravaganz. Es ist der – wohl sehr barocke – Titel eines zwölfteiligen Violinkonzertes, komponiert zwischen 1712 und 1713. Das Stück war einem Venezianischen Edelmann gewidmet. Im verlinkten Video wird das Konzert Nr. 2 gespielt. Chronologisch steht La Stravaganza zwischen zwei seiner grundlegenden und sehr berühmten Werken: L’Estro Armonico, 1711 und Il Cimento dell’Armonia e dell’Invenzione, 1725. Letzteres beinhaltet die Vier Jahreszeiten.
Manches aus dem Barock mag uns heute kitschig erscheinen. Männer mit langen Perücken, Prunk und viel Puder. Extravagant. La Stravaganza ist kein Kitsch. Es ist ein ungeheuer dynamisches Stück, die Geige trägt uns in die Höhe, es ist, als ob Vivaldi uns aufwecken wollte. Uns zeigen wollte, wie schön das Leben sein kann. Sommerbilder tauchen vor meinem inneren Auge beim Zuhören auf. Weizenfelder, Raps und Mohn unter weitem, blauen Himmel und ich fliege darüber hinweg. Oder fahre mit dem Cabrio hindurch. Gleichzeitig erinnert es uns daran, dass das Glück vergänglich ist. Mit Anbruch der vierten Minute ist der wilde Sommertraum vorbei. Man kann die schönen Momente nicht festhalten. Trennung und Verlust sind immer schmerzlich. Was bleibt sind Erinnerungen. Und es bleibt die wunderbare Möglichkeit, dass hinter der nächsten Ecke ein kleines, neues Glück wartet.
Vivaldi war schon zu Lebzeiten ein gefeierter Musiker und Komponist. Allerdings änderte sich um 1730 der Musikgeschmack der Venezianer und seine Konzerte fanden immer weniger Anklang. 1740 zog er schließlich nach Wien, auf der Suche nach einem neuen Publikum. Dort jedoch blieb er unbeachtet. Er verstarb zehn Monate nach seiner Ankunft. Das einst so berühmte Genie geriet in Vergessenheit. Sein Werk, verschollen. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts änderte sich das. 1930 war ein Großteil seiner Werke wiederentdeckt und durch verschiedene Ankäufe wiedervereint. Fast 200 Jahre nach seinem Tod begann man wieder, seine Musik zu hören.